1) Schleswig-Holstein
Wo hört ein Spaziergang auf und wo beginnt eine Wanderung?
Eine philosophische Frage von immenser Bedeutung. Denn schließlich wird auf diesen Seiten von einer Wanderung von Flensburg nach Wien gesprochen. Und nicht von einem Spaziergang. Denn soviel können wir nach mittlerweile über 400 km konstatieren: ein Spaziergang ist das nicht!
Oder unterscheiden sich Spaziergang und Wanderung durch das Mitführen bzw. Nicht-Mitführen eines Rucksacks, gefüllt mit 15 Kg Klamotten, Lebensmitteln und Tralala?
Nun, wir haben uns zu der Sichtweise durchgerungen, daß Spaziergänge und Wanderungen im Grunde auf derselben Basis stehen, nämlich auf der stetigen Abfolge von Schritten, ausgeführt in dauerhaftem Wechsel von rechtem und linkem Bein. Und insofern war das, was wir heute auf den lediglich 5 km zwischen Hamburg-Teufelsbrück und Hamburg-Blankenese vollbracht haben, sowohl Spaziergang als auch Wanderung.
Übrigens ist dieses Teilstück sehr reizvoll, da man direkt an der Elbe entlang lustwandelt und die gemütlichsten Hamburger Stadtteile, nämlich Övelgönne und Blankenese, kennenlernt.
Wir haben diesen Trip auf alle Fälle sehr genossen, da er genügend Möglichkeiten zum Schlendern, Trödeln und Parkbank benutzen bietet, und das war genau das, was wir beinahe verlernt hatten.
nele und philipp - 11. Mai, 22:22
Hamburg
Dieses Teilstück führte uns von Hamburgs Innenstadt durch "Planten und Blomen", am Elbufer entlang bis nach Teufelsbrück. Besonders interessant an der Wegführung und somit auch an Hamburg ist die häufig wechselnde Abfolge von groß und klein.
Zunächst ist da Planten und Blomen, was zwar eine gewisse längliche Ausdehnung besitzt, jedoch durch seine Schmalheit und auch durch die recht spärlich anzutreffenden Besucher einen sehr gemütlichen und heimeligen Charakter erhält.
Wenige Meter weiter überquert man eine riesige Durchgangsstraße und steht sodann vor einer gigantisch großen Bismarckstatue.
Nach kurzer Wegstrecke erreicht man den Platz oberhalb der Landungsbrücken, der eine hervorragende Rundumsicht auf den Hamburger Hafen mit all seinen Docks, Kränen und Ozeanriesen ermöglicht.
Nun steigt man wenige Meter herab und trifft auf den ehrwürdigen alten Elbtunnel, der nach heutigen Maßstäben eine niedliche, jedoch sehr freundliche Karikatur des vierröhrigen neuen Elbtunnels darstellt.
Am Elbufer entlang sieht man linker Hand große moderne Bürokomplexe, die nur wenig entfernt der rechts des Weges liegenden alten Övelgönner Häuser mit ihren kleinen Vorgärten und blickdichten Hecken plaziert sind.
So wandert man die gesamte Strecke und ist immer wieder fasziniert von den zahlreichen und stetig wechselnden Gegensätzen, welche dieses Teilstück so charmant erscheinen lassen.
nele und philipp - 10. Mai, 16:32
Hamburg
Nach drei anstrengenden Wochen haben wir Schleswig-Holstein nun hinter uns gelassen und starteten in Bergedorf ins Abenteuer "Hamburg". Gerade an diesem Sonntag war hier so einiges an Programm geboten.
Der Hamburger Hafen feierte seinen Geburtstag (den wievielten konnten wir leider nicht eruieren), am Rothenbaum wurde Weltklassetennis gespielt, auf der Klein-Flottbeker Reitanlage fand das schwierigste Dressur- und Springderby der Welt statt, und der HSV erkämpfte sich ein mühseliges 0:0.
Dies bedeutete für uns allerdings nur eines, nämlich eine ruhige und gemütliche Hamburg-Wandertour, fast immer unter Ausschluß der Öffentlickeit, da die ja anderes zu tun hatte.
Kurz hinter Billstedt verfolgte uns für kurze Zeit ein Mann mittleren Alters nebst Hundebegleitung. Er hatte uns recht bald anhand unserer Schuhe als Wandersleute identifiziert, und schon schmetterte er uns sein Lied hinterher: "Das Wandern ist des Müllers Lust ...", allerdings in einer textlich auf originelle Art abgewandelten Form.
So ging es recht flott durch Hamburgs Osten, und schon nach 5 Wanderstunden hatten wir unser angestrebtes Tagesziel, nämlich die Alster, erreicht. Ein kurzer Blick zum dunkel drohenden Himmel genügte, und schon waren wir in den niederschlagssicheren Katakomben der U-Bahn verschwunden und machten uns auf den Weg zur Großmutter.
nele und philipp - 10. Mai, 16:30
Von Kuddewörde nach Hamburg
Unsere letzte Etappe in Schleswig-Holstein führte uns zunächst durch den Sachsenwald. Dort wanderten wir einsam und in idyllischer Stille am Billeufer entlang. Wieder sahen wir den zu Beginn dieses Forstes angekündigten Eisvogel nicht. Er ist und bleibt wohl ein Phantom.
Später ging es durch mehrere kleine Ortschaften, und schon da fiel uns das vermehrte Auftauchen des Autokennzeichens "HH" auf. Und in Bergedorf wurde es endgültig Gewißheit: Wir hatten unser erstes Bundesland hinter uns.
Aus diesem Grund möchten wir uns bei allen Schleswig-Holsteinern für ihre Gastfreundschaft bedanken. Wir erlebten in den vergangenen drei Wochen sehr freundliche und fröhliche Menschen (Moin Moin), die ihre Wanderwege hervorragend markiert und gepflegt halten, die reichlich Bänke für müde Wanderer aufgestellt haben, und die uns ein Wetter präsentierten, welches so gar nicht dem norddeutschen Klischee entsprach: an 18 von 20 Tagen hatten wir keinen Tropfen Regen, im Gegenteil, wir mußten reichlichst auf unsere Sonnencreme zurückgreifen.
Des weiteren ist dieses nördlichste Bundesland gesegnet mit einer sehenswerten Natur und Kultur: Wälder, Seen, die Ostsee, eine reichhaltige Tierwelt, in der sogar Schlangen keine Seltenheit sind, aber auch sehr malerische Dörfer und Städte, die alle einen Besuch wert waren.
Wir haben uns in Schleswig-Holstein sehr wohl gefühlt und sagen "Danke und Tschüß"!
nele und philipp - 9. Mai, 09:36
Von Güster nach Kuddewörde
Der erste Blick aus dem Fenster deutete auf wechselhaftes Wetter hin, da die zahlreich vorhandenen Wolken von kräftigem Westwind vorwärts getrieben wurden. Pünktlich um halb neun machten wir uns auf, um das heutige Teilstück von Güster nach Kuddewörde (33 km) in Angriff zu nehmen.
Nach wenigen Kilometern kamen wir mitten im Wald an einen beschrankten Bahnübergang, welcher an beiden Seiten mit gelben Kästen versehen war. Per Aushang wurden wir aufgefordert, einen dort angebrachten Knopf zu drücken. Nele war so frei, und siehe da, die Schranke öffnete sich.
Nach der Überquerung der Gleise riefen wir in den gegenüberliegenden gelben Kasten ein freundliches "Danke", woraufhin der Bahnbeamte am Ende der Leitung uns ein ebenso freundliches "gerne und tschüß" erwiderte. So fröhlich und eifrig sind Bahnbedienstete!
Weiter ging es durch duftende Kiefernwälder, und nach Überquerung der Autobahn Hamburg - Berlin wurde die in der Natur häufig anzutreffende Farbe Grün durch ein eher seltenes, hier aber äußerst zahlreich vorhandenes Gelb ergänzt.
Riesige leuchtende und wohlriechende Rapsfelder durchwanderten wir, die den Farbsensor der Digitalkamera forderten und einmal, aufgrund der einfallenden und reflektierenden Sonnenstrahlen, sogar überforderten. Neben dem Raps, der ja eher von hellem Gelb ist, standen ganze Kuhweiden im satten Gelb des blühenden Löwenzahns.
Und zu guter Letzt sahen wir einen kleinen mir unbekannten Singvogel, der passend zu seiner Umgebung sein gelb-braunes Federkleid zur Schau stellte.
Nach langer und anstrengender Wanderung erreichten wir unsere Herberge nebst Wirtshaus und ließen uns Schnitzel servieren. Beilage: goldgelbe Pommes; Getränk: goldgelber Gerstensaft.
nele und philipp - 9. Mai, 09:34
Von Mölln nach Güster
Wir schreiben den 5.5.2005, es ist Donnerstag, der Himmel bayrisch-weißblau, und alles ist unterwegs, auch auf "unserem" E1-Wanderweg, denn es ist Christi Himmelfahrt, mittlerweile besser bekannt als "Vatertag".
Und was machen Väter an diesem Tag?
Nun, Nele und ich, wir wissen es jetzt verdammt genau!
Im Vorfeld des Vatertages verabreden sich Männer diversen Alters zum hochheiligen und kulturfördernden Bollerwagenkauf nebst Füllung desselbigen mit isotonischem Fitnessgerstensaft sowie vitaminreichem Obstkonzentratdestillats. Nach vollzogener Erstverabredung wird die eigentliche Zusammenkunft auf 11 Uhr am Vatertag festgelegt. Die Regeln: alle zu Fuß, und kein Weibsvolk!
Und wenn dann endlich dieser ersehnte Zeitpunkt gekommen ist und die Gassen und Waldwege im Schall quietschender Bollerwagen und grölender Männerstimmen widerhallen, ja dann ist die Seele eines Vaters endlich wieder im Gleichgewicht, und alles wird gut.
Und gegen Ende eines anstrengenden Vatertages verabschiedet man sich mit einer groben Festlegung zur Neubefüllung des geliebten Getränkegefährts fürs nächste Jahr. Vorreude ist halt die schönste Freude.
nele und philipp - 6. Mai, 12:25
Von Ratzeburg nach Mölln
So langsam scheint die Fernwandersaison zu beginnen. Schon morgens beim Frühstück in der jugendfreien Jugendherberge Ratzeburg lernten wir ein Ehepaar aus Frankfurt kennen, welches den E1 vor 25 Jahren in südlicher Richtung und dieses Jahr in nördlicher Richtung ging. Wichtigstes Thema: wo kann man in den jeweiligen Etappenzielorten gut übernachten?
Wir erhielten einige Telefonnummern und Adressen von günstigen Privatunterkünften, und das freundliche Ehepaar erhielt unsere Homepageadresse. Wir wünschten einander viel Glück bei unseren jeweiligen Vorhaben (die Zwei wollen noch bis nach Dänemark und Schweden!!!), und weiter gings in Richtung Mölln.
Nach wenigen Metern trafen wir auf zwei weitere E1-Wanderer, die wir am Vortag schon kurz kennengelernt hatten und dieselbe Richtung wie wir gingen. Wir stellten fest, daß wir heute die gleiche Wegstrecke hatten, und ca. bei Halbzeit der Tagestour trafen wir uns erneut, als Nele und ich unser zweites Frühstück einnahmen.
Interessant und eigenartig sind die dabei entstehenden Gespräche, die ein wenig an eine Partie Fernschach erinnern: Man bespricht kurz ein Thema, und verabschiedet sich mit einem freundlichen "bis später", um dann das angefangene Gespräch fortzuführen.
Gegen 14 Uhr erreichten wir Mölln, was ich mir viel flacher vorgestellt hatte als es tatsächlich war. Leider lag die Jugendherberge etwas außerhalb, aber als wir so gegen kurz vor drei unser Zimmer bezogen hatten, konnte ich endlich mal wieder den unermeßlichen Luxus eines Mittagsschlafes genießen.
nele und philipp - 6. Mai, 12:22
Von Lübeck nach Ratzeburg
Was hat denn nun bitte der Papst mit unserer E1-Wanderung zu tun?
Zunächst mal gar nichts!
Mittlerweile sind wir 16 Tage unterwegs und haben uns von den sonst allgegenwärtigen Medien entfernt gehalten. Keine Zeitung, kein Radio, und Fernsehen auch nur kleckerweise, da auf unseren Zimmern entweder gar keine Flimmerkiste vorhanden war, und wenn doch, dann waren wir viel zu erschöpft, um wirklich mitzukriegen, was auf der Welt passiert.
Zur Verdeutlichung: als wir losgingen, war der neue Papst noch nicht gewählt.
Dennoch war es selbst für uns unmöglich, der in Deutschland ausgebrochenen Papstmania zu entfliehen. Zunächst bekamen wir am Wahltag eine SMS von einer Freundin, welche mir bis dahin nicht gerade durch klerikales Verhalten aufgefallen war. Inhalt: Es gibt einen neuen Papst.
Abends dann im ntv-Ticker die frohe Kunde, daß der neue Papst Herr Ratzinger aus Bayern sei.
Am folgenden Tag, beim Kauf von Gebäck, die übergroße Bildzeitungsschlagzeile "Wir sind Papst".
Wenige Tage später erfahre ich durch meine Schwester, daß der ehemalige VW-Golf von Herrn Ratzinger bei ebay für 62000 EUR gehandelt wird.
Und zu guter Letzt soll jetzt noch ein Lied mit dem Titel "Wir sind Papst" die Hitparaden stürmen.
Bei soviel Papsthysterie machte ich mir gewisse Sorgen ob der Namensgebung unseres Zielortes. Aber, wie ich soeben feststellen konnte, hat die Stadt Ratzeburg ihre Ortsschilder noch immer nicht in "Ratzingerburg" umgeschrieben.
Und hier zitiere ich nun gerne Herrn Wowereit, der in anderem Zusammenhang einmal sagte:
"Und das ist gut so!"
nele und philipp - 4. Mai, 11:02
Von Kreuzkamp nach Lübeck
Auf der heutigen Etappe sollten wir laut Plan das Lübecker Stadtgebiet nicht verlassen. Unsere Erwartungshaltung lag also irgendwo zwischen "gemäßigtem Klima" und "einheimischer Flora und Fauna".
Es kam aber, wie sollte es anders sein, ganz anders.
Um Viertel vor Neun verließen wir unser wohnliches Motelquartier, welches wir ausnahmsweise auch ohne Auto benutzen durften. Schon nach wenigen Augenblicken entledigten wir uns unserer Jacken wegen der schwülwarmen Witterung. Der Weg führte uns durch urwaldartige Sumpfgegenden. Die Hitze stand, es rührte sich kein Lüftchen, und Schweiß tropfte aus unseren Poren. Schmetterlingsmassen tanzten um uns herum, und irgendwann schreckte Nele hoch, da sie eine Schlange gesehen zu haben glaubte.
Man muß sich das mal vorstellen: keine 5 km Luftlinie entfernt wird in der Lübecker Innenstadt gerade Marzipan bei Niederegger verspeist, und Nele warnt einen vor einer Schlange!
Ungläubig eilte ich herbei, und tatsächlich ringelte sich da angekündigtes Reptil. Wir bestaunten es ein wenig, und bald gingen wir ein paar Meter weiter, um unsere Zip-off-Hosen auf einer nahegelegenen Bank zu kürzen. Und wie ich da so sitze und hin und her zippe, sehe ich aus den Augenwinkeln, wie im ca. 3 m entfernten Teich eine v-förmige Wellenspur an mir vorbeizieht: eine muntere Wasserschlange.
Da war nun endlich der Beweis erbracht: Lübeck liegt eben doch näher am Äquator, als man gemeinhin wahrhaben will.
nele und philipp - 4. Mai, 10:58
Von Bad Schwartau nach Kreuzkamp am Hemmelsdorfer See
Gegen halb zehn verlassen wir unsere Herberge und gehen langsam und gemütlich durch den naturbelassenen Auenwald der Schwartau. Das Wetter ist schwülwarm, da es nächtens geregnet hat.
Neles Beinmuskulatur will noch nicht so recht, und bei mir kränkelts ein wenig im Hals. Dennoch fühlen wir uns aktiv und sportlich, da die meisten unserer Mitmenschen wohl noch verkatert vom Tanz in den Mai in ihren Betten liegen.
Wir wandern, wenig miteinander sprechend, mit gebeugtem Kopf vor uns hin, erholen uns kurz auf einer Ruhebank, telefonieren ein wenig, und zockeln dann gemächlich weiter.
Um 13 Uhr erreichen wir den kleinen Ort Kreuzkamp und entdecken dort ein zunächst harmlos aussehendes Wirtshaus. Wir treten ein, und werden von der dort anwesenden Menschenansammlung beinahe erschlagen. Der Kellner teilt uns mit, daß es sich hierbei um lediglich 5 schwedische Reisebusse handele, die nur zum Mittagessen kämen, und das wäre noch gar nichts, übernächsten Sonntag kämen 7 Busse.
So langsam kehrt jedoch Ruhe im Lokal ein, die Schwedinnen gehen alle gleichzeitig nochmal eben aufs Klöchen, so daß die Toilettenwarteschlange bis in den Eßsaal hinausreicht, und schon sind alle 5 Busse von dannen.
nele und philipp - 2. Mai, 14:59