3) Nordrhein-Westfalen

Montag, 6. Juni 2005

48. Etappe: Fridolin

Von Netphen-Lahnhof nach Siegen
Fridolin heißt der Hund von Bine, Dorli und Nele, und auf dem heutigen Teilstück vom Lahnhof nach Siegen war er mitsamt seiner drei Frauchen dabei. Wie hat er wohl den heutigen Tag empfunden? Vielleicht ja so:

"Liebes Tagebuch, heute war ein anstrengender und aufregender Tag. Schon um 6 Uhr wurde ich geweckt und sehr bald in unser Auto gezerrt. Nach 2 Stunden durfte ich wieder raus, mußte aber dann in ein anderes, gelbes Auto mit so einem komischen Leuchtschild drauf. Der Fahrer war wohl betrunken, jedenfalls ist er dauernd Kurven gefahren und mir wurde übel. Nach einer halben Stunde war die Fahrt zum Glück zu Ende, und nach sieben Wochen konnte ich meine Drittelchefin Nele endlich wieder anspringen. Mann, hat die sich gefreut!

Bald darauf sind wir alle losmarschiert zu einem kleinen Tümpel mit ganz ganz sauberem Wasser, das alle Lahnquelle nannten. Komisches Wort für Wasser. Naja, auf alle Fälle wars lecker und prima erfrischend.

Die Wanderung war sehr lange und anstrengend, vor allem weil man als Hund ja immer die doppelte Strecke rennen muss. Schließlich trägt man ja Verantwortung und muss sämtliche Wegstücke, auf denen die Frauchen zu wandern gedenken, erst einmal vorabinspizieren. Und so mußte ich statt der 19 km mindestens 38 km absolvieren.

Bin mal gespannt auf den Muskelkater.

Nach dem Marsch habe ich dann zur Belohnung ein großen Napf mit Wasser bekommen. Das Lahnwasser war aber leckerer!

Und abends beim Chinesen war ich so müde, daß ich sofort eingeschlafen bin und von den ganzen aufregenden Gerüchen dieses schönen Wandertages geträumt habe. Und im Traum hab ich den Hasen sogar erwischt!"

47. Etappe: Tausend

Von Bad Laasphe nach Netphen-Lahnhof
Gestern kamen wir an einer Wiese vorbei, auf der Kühe mit Kuhglocken uns zujubelten. Heute wäre dies deutlich passender gewesen, da wir nun stolze 1000 Kilometer auf unserer Wanderung von Flensburg nach Wien vorweisen können. Kurz vor Ende der heutigen Etappe auf dem im Rothaargebirge direkt neben der Lahnquelle gelegenen Lahnhof konnten wir uns zu den ersten "Tausend" gratulieren.

Nele meinte, es sei doch seltsam, daß man sowohl beim ersten, als auch beim 1000ten Kilometer keine Schmerzen hat. Gut daß wir hier nicht allzu ausführlich über die dazwischen liegenden Strecken reden...

Wir haben unseren Zwischenerfolg heute Abend mit einem kleinen Piccolöchen gefeiert und können nun aus eigener Erfahrung bestätigen, was andere E1-Wanderer, die sich hier im Lahnhof reichlich ins Gästebuch eingetragen haben, behaupten: Der E1 ist ein toller Wanderweg, und man kann jedem nur empfehlen, ihn irgendwann einmal zu bewandern. Wer Deutschland kennenlernen möchte, ist hier genau richtig!

46. Etappe: Frischlinge

Von Bad Berleburg nach Bad Laasphe
Vom ersten Tag der Wanderung an stand auf unserer ToDo-Liste der Punkt "Tierbeobachtung" ganz oben. Und einiges an Tieren hat sich mitunter blicken lassen: Rehe, Hasen, Eichhörnchen, Ringelnattern, Blindschleichen, Schmetterlinge, Bergmolche und viele mehr.

Oft kam jedoch die Frage auf: Wann sehen wir die ersten Wildschweine? Denn auf den bisher 45 Etappen bis Bad Berleburg hielten sich die Schwarzkittel dezent versteckt. Wir schauten uns die Augen blutig, doch die Schweine blieben unsichtbar. Es wurde geradezu ein "running gag" den Wandertag mit einem hoffnungsfrohen "Und heute sehen wir bestimmt Wildschweine" zu beginnen.

Tja, und was soll man sagen: die Hoffnung stirbt zuletzt! Heute sahen wir unsere ersten Wildschweine, und zwar zwei kleine hutzelige Frischlinge, die auf einer kleinen Waldlichtung am Wegesrand nach Essbarem fahndeten. Sie waren so konzentriert, daß sie uns trotz der lediglich 30 Meter Abstand nicht wahrnahmen.

Nach 15 Minuten spannender Beobachtung gingen wir weiter und ließen den beiden Rackern ihr Territorium.

Fröhlich über unser gehabtes "Schwein" erreichten wir das schöne Kurstädtchen Bad Laasphe, in welchem das besonders leckere Bosch-Pils gebraut wird, welches wir abends zusammen mit Familie Allmüller reichlichst verköstigten. Import ins Rheinland nicht ausgeschlossen!

Mittwoch, 1. Juni 2005

45. Etappe: Graffiti und Bergmolche

Von Oberkirchen nach Bad Berleburg
Heute wanderten wir von Oberkirchen nach Bad Berleburg unter anderem auf dem "Weg der Sinne". Hier kann man Kunstwerke zwischen Bäumen und Wäldern direkt am Wegesrand bestaunen. Meistens wird man hierbei von wunderbar geschwungenen "Waldsofas" unterstützt, welche einem eine gemütliche Körperhaltung zum bequemen Sinnieren über den Sinn des jeweiligen Kunstwerks ermöglichen.

Das letzte Kunstbauwerk ist noch nicht ganz fertiggestellt. Es handelt sich - soviel ist schon jetzt erkennbar - um ein Haus, aus welchem drei ausgewachsene Fichten herausragen. Diesen drei Fichten wurde hierzu eine Lücke im Dach gelassen, zur freien Entfaltung sozusagen. Das ganze Haus ist momentan noch komplett weiß. Es schreit sozusagen nach Farbe, nach viel Farbe, nach bunter Farbe. Anscheinend ist in den letzten Wochen kein wandernder Graffiti-Künstler den "Weg der Sinne" gegangen - er hätte sicherlich seine Freude an dieser makellos weißen Arbeitsfläche gehabt!

Neben der Kunst konnten wir auch das ein oder andere Kleinod der Natur genießen. Besonders angetan waren wir von einem kleinen Gewässer, welches vor einigen Jahren durch ein Holzrückfahrzeug bzw. Trecker und dessen dicke Reifenspuren modelliert wurde. Diese Fahrzeugspur hatte sich mittlerweile zu einem blühenden Kleinbiotop entwickelt. In ihm schwammen an die 50 Bergmolche, die sich im Licht der wärmenden Sonne sichtlich wohlfühlten.

Hoffentlich wird hier in den kommenden Jahren kein Holz gerückt!

44. Etappe: Woll

Von Winterberg-Silbach nach Oberkirchen
Die Nordhälfte Deutschlands liegt nun hinter uns. Zumindest gibt es zwei ziemlich eindeutige Anzeichen, die diese Annahme bestätigen.

Zunächst einmal ist da der Kahle Asten, der berühmteste Berg des Sauerlandes und somit auch der höchste Berg Hollands. Denn was dem Allemannen sein Mallorca, das ist dem Niederländer sein Hochsauerland.

Und da wir uns südlich dieses imposanten Berges befinden, werden wir uns wohl in Süddeutschland befinden, woll.

Tja, der aufmerksame Leser wird es sofort erkannt haben, dieses todsichere Zeichen für das Betreten des Siegerlandes, welches ja ganz klar zu Süddeutschland gehört, nämlich den kleinen aber gewaltigen Wortfetzen "Woll", welchen der Siegerländer ans Ende eines beinahe jeden Satzes hängt. Der Zweck dieses Appendix ist nicht wirklich bekannt, irgendwie ähnlich wie beim Blinddarm, denn wofür der gut ist, weiß ich auch nicht.

Heute Abend hatten wir beim Belauschen der Ureinwohner die Möglichkeit, uns vom Zauber dieses "Wolls" fangen und vereinnahmen zu lassen. Bei Nele scheint es auch schon gewirkt zu haben: ihre Finger krampften sich beim Gebrauch des Wortes mit den vier Buchstaben heftigst zusammen, was zur Folge hatte, daß unser Abendessen recht lange dauerte.

Naja, wir werden es wohl überleben, auch wenn dieser Akustikzustand uns noch einige Etappen erhalten bleiben wird. Aber mit genügend Bier kann man sich sicherlich auch einen Dialekt schöntrinken...

Woll bekomms!

Dienstag, 31. Mai 2005

43. Etappe: In den Wolken

Von Rattlar nach Winterberg
Drei Tage mit Temperaturen über 30 Grad, und dann nach nächtlichem Berggewitter ein Wandertag bei 6 bis 11 Grad - momentan ist das richtiger Extremsport.

Noch gestern war das Tragen eines Pullover nahezu unvorstellbar, doch heute wurde es schneller wahr als uns lieb sein konnte. Lange Hosen und Fleecejacke leisteten bei unserer Wanderung "in den Wolken" ganze Arbeit. Gerne wären wir auf Reinhard Meys Spuren "über den Wolken" gewandert, aber dafür waren die Berge rund um Willingen mit ihren rund 700 Metern doch noch zu niedrig.

So ein kompletter Tag im Nebel hat aber auch seine Vorteile: der Sonnenbrand, der sich in den vergangenen Tagen trotz reichlichen Eincremens nicht vermeiden ließ, konnte weitgehend kuriert werden. Des weiteren ist man fast allein im Wald und erwartet gespannt das jederzeit mögliche Auftauchen von Wildtieren.

Und solange es nicht regnet, ist ein Wanderer fast immer zufrieden!

42. Etappe: Halbzeit

Von Obermarsberg nach Rattlar
Nun sind wir in sechs Wochen 42 Etappen gewandert, und waren überrascht festzustellen, daß wir die Hälfte unserer E1-Strecke bis Konstanz schon hinter uns haben.

Insgesamt haben wir 907 km per pedes hinter uns gebracht, und allen Unkenrufen zum Trotz sind unsere Füße noch nicht verfault. Kann aber noch kommen...

Die Halbzeit haben wir im bemerkenswert schönen Rattlar, unserem bisher höchsten Etappenziel mit knapp 600 m ü. NN, gefeiert. Rattlar liegt übrigens im sogenannten Upland, dem Dach des hessischen Sauerlandes, kurz vor Willingen. Nächste Woche findet hier auf dem Uplandsteig, den wir heute zum Teil kennenlernen durften, ein Marathon statt. Tolle Aussicht und ein paar ordentliche Steigungen werden garantiert! Vielleicht hat ja der ein oder andere Leser dieser Zeilen jetzt ein leichtes Jucken im Fuß...

Wir werden jedoch nicht zum jetzigen Zeitpunkt ins Marathonlager wechseln, denn schließlich wartet auf uns noch die zweite Hälfte auf dem Weg zum Bodensee, und noch der nette kleine Abstecher nach Wien.

Schaun mer mal!

41. Etappe: Heiß

Von Blankenrode nach Obermarsberg
Es sollte der heißeste Tag des Jahres werden, an dem wir uns vom außergewöhnlichen Blankenrode über die Zwillingsstadt Marsberg - bestehend aus Nieder- und Obermarsberg - ins Örtchen Giershagen quälten.

Auf unserem mitgeführten Thermometer wurden uns 35 Grad im Schatten angezeigt. Unser Marschtempo wurde stetig langsamer, so daß wir für 19 km immerhin 9 Bruttostunden benötigten.

Die kühlsten Stellen unseres Tagestrips waren der vollklimatisierte Supermarkt, in welchem wir am liebsten bis weit nach Ladenschluß a la Al Bundy verharrt hätten, sowie eine Felsspalte neben den Marsberger Drakenhöhlen, die permanent 15 Grad kühle Luft nach außen strömen lässt.

Ansonsten war es heiß, verdammt heiß, superheiß, viel zu heiß - heiß eben!

Es war so heiß, daß die Kneipe, in der wir zu Abend aßen, bereits um 19 Uhr sämtliche Rolladen herunterließ, obwohl draußen noch prima Sonnenschein herrschte.

Und einige Schalke-Fans, die sich in ebendieser Kneipe das Pokalendspiel zu Gemüte führen wollten, rissen sich zu heißblütigen Tipps zugunsten ihres Lieblingsvereins hin. Das hätten sie bei 10 Grad und kühlem Kopf sicher nicht getan.

Gutes Wetter ist sicherlich die halbe Miete beim Wandern, aber übertreiben muß man ja nicht...

Samstag, 28. Mai 2005

40. Etappe: Blankenrode

Von Herbram-Wald nach Blankenrode
Unsere mittlerweile vierzigste Etappe sollte uns nach Blankenrode im Eggegebirge führen.

Da die wenigsten diesen Mittelgebirgsort kennen werden, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie man sich Blankenrode vorzustellen hat.

Nun, jeder kennt ja die verschiedensten Orte, große, kleine, hübsche, häßliche, alte, neue, freundliche und abweisende.

Blankenrode ist vollkommen anders, es läßt sich in keine festen Kategorien pressen, es ist einfach viel zu vielfältig dafür.

Das alte Blankenrode, welches heute gar nicht mehr existiert, liegt ca. 2 km vor dem heutigen Ort und wurde 1390 bei einem bösen Überfall verwüstet und entvölkert. Das neue Blankenrode ist noch bevölkert, und es spielen sogar noch Kinder dort, und zwar auf offener Straße das schöne alte Spiel namens Völkerball.

Gastronomisch ist Blankenrode zumindest scheintot. Das einzige Hotel am Ort, welches auch das einzige Restaurant darstellen soll, wollte uns an einem Freitagabend partout nicht bewirten, und das mit der durchaus originellen Begründung, es sei Montag, und montags sei Ruhetag.

So zogen wir weiter und betraten um 19 Uhr das örtliche Cafe, ohne allerdings viel Hoffnung auf gute Bewirtung zu haben, da Cafes sich ja hauptsächlich auf den kuchenessenden Nachmittagsgast spezialisieren.

Dort aber wurde Gastfreundschaft noch groß geschrieben! Obwohl die betreibende Familie schon beim Abendessen saß und sozusagen Feierabend hatte, bekamen wir schnellstens ein kühles Bier nebst riesiger Schinkenbrotplatte, und anschließend ein gigantisches gemischtes Eis mit Sahne.

Wir waren begeistert und können Blankenrode als echten Geheimtipp für Leute, die auch mal das etwas andere erleben möchten, vorbehaltlos empfehlen.

Scheintote leben eben länger.

39. Etappe: Essellka

Von Altenbeken nach Herbram-Wald
Vom leicht verschlafenen, aber durchaus sympatischen Altenbeken an der Beke führte uns der E1, welcher hier auch Eggeweg heißt, ins wirklich verschlafene, aber ebenso sympatische Dorf Herbram-Wald, welches seine bescheidene und abgeschiedene Existenz wohl hauptsächlich der dort verlaufenden Eisenbahntrasse verdankt. Da diese Trasse jedoch in den vergangenen Jahren rückgebaut wurde, und somit die Züge ausblieben, hat sich die ortsansässige Hoteleriebranche auf eine neue Zielgruppe eingeschossen.

Als wir jedenfalls die Herbram-Walder Eisenbahnbrücke, die nunmehr über keinen Schienenstrang mehr führt, überquert hatten und auf unser Hoteldomizil zusteuerten, standen dort in Reih und Glied nach preußischer Akkuratesse geparkt ca. 10 - 15 Fahrzeuge der Karosserieschmiede Daimler Chrysler, welche allesamt auf den Namen "Essellka" zu hören schienen.

Alle waren sie silber lackiert, bis auf den des Häuptlings, denn der war rot. Hier fand also kein Treffen der "anonymen Alkoholiker" statt, sondern eine Zusammenkunft der "bekennenden Zweisitzer-mit-Stern-Fahrer".

Der Körperumfang der meisten Vereinsmitglieder ließ erahnen, daß es sich hier um einen echten "Lustclub" mit ausschließlich geselligem Charakter handelte. Es muß eben nicht immer der Sportverein sein!

Wir jedenfalls freuten uns über diese glücklichen und sehr freundlichen Autofreaks, die bis spät in den Abend auf der Terrasse saßen und über ihre "Essellkas" fachsimpelten, taten sie doch genau das, was sie wohl gerne taten.

Und so gingen wir in aller Frühe am kommenden Morgen weiter unseres Weges, da wir eben gerne wandern.