4) Rheinland-Pfalz

Sonntag, 12. Juni 2005

55. Etappe: Jakobsweg

Von Obernhof/Lahn nach Balduinstein
Der Pfad führte uns den ganzen Tag oberhalb der Lahn entlang, genau genommen den Teil zwischen Obernhof und Balduinstein. Dieser Weg ist hier nicht nur der Europäische Fernwanderweg E1; gleichzeitig bildet er den Lahnhöhenweg und auch den sehr bekannten Jakobsweg, welcher nach vielen hundert Kilometern im spanischen Santiago de Compostela endet.

Auf einem so berühmten Wegstück erwarteten wir am gerade gestarteten Wochenende bei trockener Witterung Hochbetrieb. Doch es kam - wie so oft - ganz anders. Zunächst begegneten wir lange Zeit niemandem. Die einzigen Menschen, die wir erblicken konnten, waren langsam und fröhlich durchs ruhige Lahnwasser gleitende Kanuten in ihren mit reichlich Bier beladenen Ruderbooten.

Doch dann, nach zwei Stunden, kam uns eine ca. 20köpfige Wandergruppe entgegen. Der Altersschnitt lag bei 60 Jahren, so daß durchaus die Möglichkeit gegeben gewesen wäre, daß hier Jakobswegpilger unterwegs waren.

Doch dann wurden wir jäh dieser Illusion beraubt: eine Dame trug doch tatsächlich auf diesem schon beinahe alpinen Pfad, welcher zur Lahn hin fast senkrecht hinabstürzte und gleichzeitig recht matschig war, goldene Slipperhalbschuhe! Wie auf Stelzen bewegte sie ihre edlen Galoschen voran, wobei ein leichtes Schmunzeln über ihre Fortbewegungsweise den übrigen mit Bergstiefeln ausgestatteten Mitwanderern ins Gesicht geschrieben stand. Da konnten wir uns nur herzlich anschließen.

Nach dieser Begegnung wanderten wir noch gut sechs Stunden weiter und trafen lediglich unseren E1-Kollegen, welchen wir vor drei Tagen in Selters kennengelernt hatten und der auch zum Bodensee will. Ansonsten war heute auf dem Jakobsweg keine Menschenseele unterwegs, und das, obwohl wir ja nun der Papst sind. (Zitat "BILD" nach der Ratzinger-Wahl: Wir sind Papst)

Die Papst-Euphorie scheint gedämpft.

54. Etappe: Lahn

Der aufmerksame Leser wird beim Wahrnehmen des Titels feststellen, daß er einem deja vu unterliegt. Denn tatsächlich, vor einer Woche hatten wir schon einmal Kontakt zu diesem freundlichen Fluß, als nämlich Fridolin den Quellteich der Lahn zu seiner Badewanne ernannte. Die gesammelten Hundehaare haben sich seitdem talwärts durch so namhafte Städte wie Bad Laasphe, Biedenkopf, Marburg und Limburg geschlängelt, und wenn wir heute beim Überqueren der Lahn in Nassau etwas besser aufgepasst hätten, wer weiß, dann hätten wir vielleicht die Lahnteichhaare von Neles Föcki wiederentdeckt.

In Nassau sowie in einigen anderen Orten an der Lahn scheint die Zeit ein wenig stillgestanden zu haben, allerdings auf eine sympatische Art und Weise. Viele gut erhaltene Fachwerkhäuser und Burgen, eine sich gemütlich durchs Tal ziehende Eisenbahntrasse sowie wenig Autoverkehr gaukeln einem die "gute alte Zeit" vor.

Es wirkt alles ein wenig wie Urlaub in einem früheren Jahrhundert. Auch Morgen führt uns die E1-Route weiter flußaufwärts bis nach Balduinstein, was irgendwie nach Schloßgespenst klingt. Auf jeden Fall sind wir schon sehr gespannt auf die Fortsetzung unserer Zeitreise an der Lahn.

Freitag, 10. Juni 2005

53. Etappe: Meister des X

Heute begegneten wir einem der Menschen, dem wir vor unserer Tour bedingungslosen Gehorsam geschworen haben: Einem Wegewart, der unsere "heilige" Strecke markierte. Er tauchte auf unserem Weg zwischen Wirges und Welschneudorf kurz vor der höchsten Stelle des Tages auf (Köppel 540m). Wir haben ihn sofort ausgefragt und er uns, und als besonderes Highlight nennen wir jetzt ein offizielles Markierungs-X des Westerwälder Wandervereins unser Eigen. Offiziell übergeben vom Meister des X, und nicht geklaut oder so!

Voller Stolz über das überraschende Geschenk wanderten wir zügig weiter, und erreichten unser Tagesziel rechtzeitig zu dem von Sveti und Klaus, unseren heutigen Gastgebern, avisierten Bier und Grillwürstchen.

52. Etappe: Wandern

Von Nistertal nach Wirges
Wenn zwei Leute sich von Nistertal über Alpenrod, Dreifelden, Maxsain, Selters und Vielbach nach Wirges begeben, wenn sie auf dieser Strecke zwei längere Pausen mit Aufbaumaterialien wie Äpfeln, Butterbroten und Süßigkeiten anreichern, wenn sie unterwegs einen E-Plus-Funkmast besteigen und aus 33 Metern Höhe ein ahnungsloses Reh beobachten, wenn sie einen Großteil der Westerwälder Tierwelt in Form von Libelle, Mäusebussard, Gabelweihe, Haubentaucher, Laubfrosch, Eichhörnchen, Maus und Eidechse erleben durften, wenn sie in Selters mit einem E1-Genossen einen kurzen aber sehr interessanten Klönschnack gehalten haben, und wenn sie dann abends glücklich und erschöpft ins Bett fallen, dann waren sie wandern.

Mittwoch, 8. Juni 2005

51. Etappe: Raser

Von Willingen nach Nistertal
Der E1 führte uns heute von der Fuchskaute nach Nistertal, beides im schönen Westerwald gelegen. Zumeist bemühte sich die Wegführung um Idylle. So gingen wir durch dunkle Wälder und über enge Wanderpfade, und sahen sogar in einer bunten Blumenwiese eine Bache, und das am hellichten Tag so zwischen zwölf und halb eins.

Manchmal mussten wir aber auch Teilstücke auf Kreis- oder Landstraßen in Kauf nehmen, was in der Regel recht wenig Spaß macht.

Zugegeben, nach sieben Wochen ohne Auto und einem Durchschnittstempo von ca. 4 Stundenkilometern sind wir ziemlich entschleunigt und tiefenentspannt (zumindest bilden wir uns das ein ...). Aber wenn man so auf Deutschen Straßen am linken Fahrbahnrand entlangwandert, dann fragt man sich schon, wer es allen Ernstes so eilig haben kann wie einige tiefergelegte und mit Flammendekor versehene Zeitgenossen. Da wird an den unsinnigsten Stellen im zweiten Gang auf 100 km/h beschleunigt, um nur wenige Meter weiter wieder vehement herunterzubremsen. Ein sportliche Herausforderung für einige dieser Hobbyschumis scheint das möglichst nahe passieren von Wanderern mit höchster Geschwindigkeit zu sein. Teilweise könnte man seine Fingernägel vom Lack dieser Boliden polieren lassen, würde man seine Fingerspitzen nur ein wenig vom Körper abspreitzen. Ein Wanderkollege berichtete uns, daß er bei Regen mit seinem geöffneten Schirm eine Landstraße entlangging, und dieser Schirm ihm von einem vorbeifahrenden Fahrzeug weggerissen wurde. Und das Beste: der Fahrer hat den Schirm nicht mal zurückgegeben!

Nun denn, trotz diverser Attacken haben wir auch den heutigen Tag ohne wesentliche Verletzungen überstanden. Dennoch wäre ich froh, wenn wir unsere Route Morgen zumeist im Wald verbrächten, und alle, die uns begegneten, Tempo 5 nicht überschritten.

50. Etappe: SPD

Von Herdorf nach Willingen
Heute war unsere 50. Wanderung, und zwar von Herdorf zum höchsten Berg des Westerwaldes, der Fuchskaute. Wir haben in diesen 50 Tagen vieles gesehen, zum Teil auch wirkliche Raritäten. Da waren zum Beispiel Naturdenkmäler wie die Externsteine oder der Druidenstein. Oder von Menschenhand geschaffene Unikate wie die Driving Range von Haithabu oder die Kunstwerke auf dem "Weg der Sinne". Nicht zu vergessen natürlich die Beobachtung selten anzuschauender Tierarten wie Wildschweine oder Bergmolche.

Heute jedoch haben wir ein wirklich ganz besonders seltenes Lebewesen erlebt, eine echte Rarität sozusagen. Nein, es war weder das Schnabeltier noch der Quastenflosser, die unseren Weg kreuzten. Es war, und das muß man sich in der heutigen Zeit einmal vorstellen, das selten gewordene Exemplar eines bekennenden SPD-Wählers!

Er wanderte durch den Regen und fand genau in der Hütte unterschlupf, in der auch wir pausierten. Wir kamen ins Gespräch, und als wir uns dann als Krefelder outeten, kommentierte er dies mit den Worten, daß wir aufgrund der NRW-SPD-Wahlniederlage unmittelbar verantwortlich für den nun zu erwartenden Regierungswechsel auf Bundesebene und alle damit verbundenen negativen Folgen seien. Er jammerte darüber, daß seine Rente, die ja jetzt schon zu niedrig sei. dann weiter gekürzt würde. Und das, obwohl er 46 Jahre geklebt und drei Kinder "in Lohn und Brot" hätte. Tragisch.

Naja, wir haben ihm dann einen Keks angeboten, den er auch dankend annahm und alsgleich verspeiste. Hoffentlich ist er nun nicht mehr sauer auf uns. Wo wir doch aus NRW kommen...

Und nun noch ein kurzer Gruß an den netten Obstverkäufer aus Herdorf: Dein Obst hat uns diesen regenreichen Tag gut überstehen lassen. Danke und viele Grüße!

Montag, 6. Juni 2005

49. Etappe: Miraculix

Von Siegen nach Herdorf
Schon auf unserer 38. Etappe fanden wir deutliche Hinweise dafür vor, daß das berühmte "gallische Dorf" aus den Asterix-Comics nicht in Frankreich, sondern in Deutschland liegen muß.

Und auch heute gab es wieder ein überzeugendes Argument für diese These, und zwar in Form des Druidensteins, gelegen direkt am E1 zwischen Siegen und Herdorf. Denn der einzige Druide, den ich kenne, ist Miraculix aus den Asterixgeschichten. Das ist der, der immer trotz seines biblischen Alters in den Baumkronen auf der Suche nach Mistelzweigen umherkraxelt, aus denen er alsdann alle möglichen Zaubertränke braut.

Wir sind also zu Miraculix´ Stein gepilgert, und hatten die Stille Hoffnung, dort das ein oder andere Elixir abzustauben. Natürlich war uns klar, daß diese wertvollen Tropfen nicht einfach so am Druidenstein herumstehen. Nein, wir mußten schon danach suchen, und tatsächlich, es gibt sie, wir haben es mit eigenen Augen gesehen!

Denn nur 30 Meter neben dem Druidenstein war eine kleine Hütte, in der zwei ältere Waldmenschen saßen. Zur Tarnung verkauften sie uns zwei Eis am Stiel, aber wir ließen uns nicht täuschen. Kaum hatten wir uns ein wenig von den beiden abgewendet, holte der eine mehrere kleine Elixierfläschchen mit dem Schriftzug "Wodka Feige" heraus, und ruckzuck waren alle leergetrunken. Resultat: Beide sprachen mit einem Mal eine vollkommen neue Sprache, die interessanterweise aus ungewöhnlich vielen Lall-Lauten bestand. Man sah sofort: Dieser Trunk wirkt!

Leider waren dies die letzten vorrätigen Flaschen. Und da wir nicht wußten, ob Miraculix heute noch auftauchen würde, um Nachschub anzurühren, zogen wir traurigen Herzens weiter in Richtung unseres ersten Domizils im schönen sagenumwobenen Westerwald.

Montag, 21. März 2005

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