6) Baden-Wuerttemberg
Hurra, wir haben es tatsächlich, trotz vorheriger eigener und mannigfacher anderer Zweifel, geschafft, den Europäischen Fernwanderweg E1 von Flensburg zum Bodensee bzw. nach Konstanz zu durchwandern. Um 17 Uhr MESZ überquerten wir unseren Heimatfluß, den Rhein, auf Konstanzer Stadtgebiet. Ein bewegender Moment, der uns trotz unserer vorherrschenden Erschöpfung bei 30 Grad im Schatten sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Die gesamte Tour nach Wien ist zwar noch nicht vollbracht, und ehrlich gesagt fängt unseres Erachtens der anstrengende Teil erst in den Alpen an, aber wie schon die Bewertungsrichter beim Eiskunstlaufen immer sagen: Die Pflicht ist erledigt; jetzt kommt die Kür!
In diesem Sinne werden wir nun die hohen Berge in Angriff nehmen, und mal schauen, wie weit wir auf dem Weg nach Wien über den sogenannten E4 alpin denn kommen.
Wie sagte schon der alte Fritz (nicht der Deutsche, sondern der etwas weniger bekannte Österreichische): Auffi gehts, pack mers!
nele und philipp - 17. Jul, 00:40
Nein, wir haben uns nicht verlaufen und sind versehentlich in Frankreich gelandet. Geographisch gesehen befinden wir uns zwischen den beiden westlichen Ausläufern des Bodensees, in einem Ort namens Möggingen. Und direkt neben Möggingen liegt der noch etwas kleinere Ort Güttingen, und dort gibt es ein Lokal namens Adler, und in dessen Speisekarte entdeckten wir doch tatsächlich den malerischen Schriftzug "Chateaubriant". Das Wasser lief uns umgehend im Munde zusammen, hatten wir mit einem solchen Schmankerl doch absolut nicht gerechnet. Äußerlich hatten wir zunächst den Eindruck, es handele sich um eine ganz normale Dorfwirtschaft. Doch nach einem kurzen Gespräch mit der Bedienung wurde schnell klar, daß dies eher eine Goldgrube war: über 400!!! Restaurantplätze standen zur Verfügung, wovon die meisten schon besetzt waren. Für die kulinarische Versorgung waren 7 Köche im Einsatz, so daß auch keine Wartezeiten entstanden.
Und die Qualität litt absolut nicht, im Gegenteil, unser Chateau war vom Allerfeinsten. Wir haben auch brav alles aufgegessen und durften anschließend auf unserem Heimweg nach Möggingen noch die Aussicht auf Bodensee und Alpen genießen.
Ein richtig toller Abend!
nele und philipp - 17. Jul, 00:38
Für Burgen- und Ruinenfans hätte die heutige Etappe ein wahres Festival werden können, wäre da nicht ein verwirrter Wegeplaner gewesen, der sich wohl etwas zu lange in der prallen Sonne sein Hirn hat verschrumpeln lassen. Wir haben sage und schreibe 5 Ruinen des Hegau beinahe besichtigt, indem wir die dazugehörigen Berge beinahe erklommen. Jedesmal, wenn man ca. 90 Prozent des jeweiligen Gipfels gemeistert hatte, wurde man wieder hinabgelotst. Um das Gipfelkreuz wurde man jedesmal betrogen. Hier war wohl ein Hohepriester des coitus interruptus am Werk, ein profilneurotischer und minderwertigkeitskomplexbehafteter Wanderfunktionär, der jeglichen Bezug zur schönen und befriedigenden Wandererrealität verloren hat. Ein Wanderer will wandern und seine Wanderung genießen, und sicherlich nicht ohne jeglichen Sinn Höhenmeter sammeln, um sie im nächsten Augenblick wieder zu verschenken.
Die Wegführung eines Europäischen Fernwanderweges hat solch ein chaotisches Verwirrspiel nicht verdient. Ich bin sicher, daß mindestens 90 Prozent aller E1-Wanderer die Strecke von Engen nach Singen bewußt nicht so gehen, wie sie ausgeschildert ist, und ehrlich gesagt, sie haben verdammt Recht damit!
Daher folgender ernsthaft konstruktiv gemeinter Vorschlag an diejenigen, welche für die Streckenführung verantwortlich sind: Schickt die Leute meinetwegen auf einen, maximal auf zwei eurer eher kleinen Hügel, aber dann bitteschön bis ganz nach oben, und lasst die restlichen drei Vulkangesteinskuppen raus aus dem Programm. Die Zufriedenheit und Freude der Wanderer wird es euch danken!
(PS: Vielleicht sind die obigen Worte etwas zu harsch gewählt, aber nach so einem Tag mußte das einfach mal raus!)
nele und philipp - 14. Jul, 11:24
Von Blumberg kommend verläuft der Weg ohne nachvollziehbaren Grund auf einen Berg hinauf. Oben angekommen, darf man dann wieder hinunter, leider ohne oben durch eine besondere Aussicht belohnt worden zu sein. So ähnlich ging es heute den ganzen Tag, und auch Morgen wird es laut Wanderführer ebenso geschehen. Das sind halt die wirklichen Charaktertests, die einem kurz vor Konstanz auferlegt werden. Doch mit ein wenig gehirnverbrannter Sturheit werden sich auch diese Klippen umschiffen lasse.
Allerdings, und das war eine echte Überraschung, konnten wir am sogenannten Napoleonseck oberhalb von Riedöschingen in weiter Ferne den Bodensee schimmern sehen. Eine tolle Belohnung, wenn man bedenkt, daß wir 82 Etappen auf diesen Augenblick hingewandert sind!
Die restliche Tagesstrecke verging wie im Fluge, und so konnten wir gut motiviert für die nächsten drei Tagestouren in die gemütlichen Federn sinken.
nele und philipp - 14. Jul, 11:22
Nach nunmehr genau 12 Wanderwochen sind wir zu wahren Hotel- bzw. Pensionsfachleuten avanciert. Zwischen Flensburg und Blumberg haben wir so ziemlich jede Übernachtungsstilblüte erlebt, die sich denken läßt.
In Bad Laasphe erlebten wir die sonst nur auf Opel-Ascona-Ablagen gebräuchliche handgehäkelte Klopapierrollenabdeckung. In Furtwangen wurden wir mittels Zeitsprung in die 60er Jahre befördert. In verschiedensten Jugendherbergen wurden wir angehalten, das selbständige Bettbeziehen nicht zu verlernen. In Bad Schwartau erlebten wir, daß Ferienwohnungen für 2 Personen ungeheizt und mit unbequemen Schlafsofas ausgestattet schon mal 60 EUR die Nacht kosten können. Dafür gab es in Oeversee eine Riesenferienwohnung mit großem Fernseher und allem möglichen Luxus inklusive Frühstücksei für sehr moderate 35 EUR .
In Dreieichenhain übernachteten wir auf einem Reiterhof, der komplett mit Fliegengittern versiegelt war. Und in Balduinstein gab es sogar Krabbencocktail und Lachs zum Frühstück.
Heute jedoch haben wir doch noch etwas Neues entdeckt, nämlich den Wanderertarif. Den gibt es nur im Hotel Hirschen in Blumberg, und er besagt, daß Wanderer, die zu Fuß das Hotel erreichen, lediglich 25 EUR pro Person und nicht wie Normalsterbliche 32 EUR pro Person zahlen.
Eine gelungene Überraschung, und das an einem Tag, der vor lauter Wanderei einfach nicht enden wollte.
nele und philipp - 12. Jul, 14:05
Schon mal was von einem schizophrenen Fluß gehört? Wir auch nicht, bis wir heute durch die in Europa einzigartige Wutachschlucht wanderten. Hier versammeln sich auf engstem Raum 1200 Pflanzenarten, 570 Schmetterlingsarten und über 1200 Vogelarten. Und tatsächlich, wenn man entlang der teilweise 80 Meter hohen Steilwände zum Flußufer hinabgestiegen ist, hat man wirklich das Gefühl, in einer dschungelartigen Welt gelandet zu sein. Ein Berggorilla würde sich hier sicher wohlfühlen.
Warum ist ein so malerischer Fluß dann schizophren?
Nun, dieser Fluß entspringt auf dem Feldberg als kleines Bächlein mit dem harmlosen Namen "Ach". Kurz darauf stürzt er sich zu Tal und durchfließt den wunderschönen abgelegenen Feldsee, in dem ähnliche Viecher wie im Loch Ness ihr Unwesen treiben sollen. Leicht verunsichert plätschert er ruhig weiter in den touristenumlagerten Titisee, und wer Titisee heißt, leidet mal mindestens an einer kräftigen Profilneurose.
Um den Fluß im weiteren Verlauf bei Laune zu halten, wird er ab dem Titisee nicht mehr "Ach", sondern unter Hinzufügung des Adjektives "gut" die gute Ach, bzw. Gutach genannt.
Wieder einige Kilometer weiter trifft dann die hasserfüllte Haslach auf unsere liebe nette Gutach, und daß das nicht gut gehen kann, liegt ja auf der Hand. Beide Flüsse sind an dieser Stelle so wütend aufeinander, daß sie ihre Identität verleugnen und sich ab hier "wütende Ach", also Wutach nennen. Und mit dieser Wut im Bauch hat sich die Wutach ein tiefes Flußbett in den Schwarzwälder Fels gegraben, und dabei ist sie so stinkig geworden, daß sie ein ganzes Stück sogar das Tageslicht fürchtet und unterirdisch, sozusagen als "Fluß der Unterwelt", ihr Dasein fristet, um erst später wieder das Licht der Welt zu erblicken.
Angesichts dieser ganzen Begebenheiten muß man leider diagnostizieren: dieser Fluß hat `ne Macke.
nele und philipp - 12. Jul, 14:03
Wir starteten um 9.20 Uhr im Ort Feldberg, um von dort aus den Berg Feldberg zu erklimmen. Dieser sollte mit seinen 1493 Metern den höchsten Punkt unserer E1-Strecke darstellen. Leider hat man beim "Aufstieg" nicht die Voraussetzung für ein montanes Aha-Erlebnis, da hierfür der passende und angemessene Steigungswinkel fehlt. Der Feldberg ist, zumindest was seine obersten 300 Höhenmeter angeht, eher ein Hochplateau als ein Gipfel. Man sieht den obersten Punkt anhand der dort plazierten Wetterstation schon von Weitem, und nähert sich diesem auf sanft gewundenem und ebenso sanft ansteigendem Asphaltweg. Insofern also keine wirkliche Herausforderung, kein echter Aha-Effekt.
Letzterer wartete aber später auf uns. Denn im weiteren Verlauf unser Tagesetappe nach Schluchsee (gemeint ist der Ort) durchschritten wir den am Schluchsee (gemeint ist der See) gelegenen Ort namens Aha. Endlich der ersehnte Aha-Effekt.
Dazu fällt mir übrigens noch ein Witz meines Großvaters ein, und der geht so:
Frage: Was ist der Unterschied zwischen Wasser und Zwillingen?
Antwort: Wasser ist "H2O", Zwillinge sind "Oha, 2!"
nele und philipp - 12. Jul, 14:01
Japan ist das Land der aufgehenden Sonne, denn bis auf Australien und einige Atolle im Stillen Ozean geht dort die Sonne zuerst auf.
Als wir heute Morgen durchs noch reichlich verschlafene Touristendorf Titisee wanderten, konnten wir feststellen, daß die Sonne zwar noch hinter dicken Wolken steckte, die japanischen Besucher jedoch schon vollständig erschienen und auf der Suche nach den besten Fotomotiven waren. Ein künstlerisch veranlagter Japaner drappierte seine nicht wirklich glücklich lächelnde Ehefrau malerisch vor der Seekulisse und den theoretisch vorhandenen, jedoch aufgrund der Witterung unsichtbaren höchsten Erhebungen des Schwarzwaldes. Vier weitere Landsleute, ebenfalls mit der obligatorischen Fotoausrüstung vor der Brust ausgestattet, schlenderten lässig rauchend die Uferpromenade herunter und fragten sich wohl, wer die beiden bekloppten Europäer seien, die schon so früh aus den Federn gekrochen waren und nun mit Rucksack und Regenausrüstung eine Strecke erwanderten, welche man doch viel bequemer mit den parallel verkehrenden Zügen hätte bewältigen können.
Aber so ist das nun mal auf unserem Planeten: wir finden es hin und wieder seltsam, was die Japaner so treiben, und die Japaner finden es seltsam, was wir so veranstalten.
Ich finde das prima so, denn erstens hilft sowas gegen möglicherweise aufkommende Gesprächspausen, und zweitens kann man genau darüber einen netten Bericht schreiben.
nele und philipp - 12. Jul, 13:58
Unsere Nachtruhestätte hätte einen Ehrenplatz bei Dalli-Dalli erhalten können. Damals fragte Hans Rosenthal seine Kandidaten, welche Gegenstände in diesem Raum nach den 60er Jahren eingebaut worden seien. Wir haben gestern Abend dieses Spiel ausprobiert und konnten leider nur den 80er Jahre Heizungsregler entdecken. Alles andere war original 1965 und älter, und wer mal eine Nostalgie- oder Zeitreise machen möchte, dem sei dieses Haus wärmstens ans Herz gelegt.
Aber nicht nur Zeitsprungexperten kommen auf ihre Kosten, auch die Freunde der gepflegten Rheumadecke sind hier gut aufgehoben. Gleich busweise werden hier potentielle Käufer aus aller Herren Bundesländer angekarrt, und keiner muß befürchten, er komme ohne Rheumadecke wieder heim. Früher, in den Kindertagen dieser Kaffeefahrten, gab es einen Vorturner, der sowohl den Marktschreier, als auch den Kassierer mimte. Heute ist das alles deutlich professioneller organisiert.
Zwei attraktive und in schicken Kostümen aufgebrezelte Blondinen bedienen abwechselnd die Power-Point-Präsentation sowie die Kasse. Dritte Kraft im Bunde ist dann noch der zwei mal einen Meter Große bzw. Breite Bodyguard, welcher zum einen die beiden Mädels beschützt, zum anderen aber auch allzu kritischen Veranstaltungsteilnehmern meinungsbildend zur Seite steht. Beispiel:
Teilnehmer: "Die Rheumadecke gibts beim Aldi für die Hälfte!"
Bodyguard (stehend und von oben herab): "Und trotzdem bin ich mir sicher, daß gerade Sie hier zwei Decken kaufen werden, nicht wahr..."
Das ist modernes Marketing, da wird dem Kunden die Entscheidung wirklich leicht gemacht!
Naja, schweren Herzens sind wir dann trotzdem weitergewandert, und auch ohne Rheumadecke haben wir unser Tagesziel Titisee wohlbehalten erreicht.
nele und philipp - 7. Jul, 23:13
Im Deutschen Uhrenmuseum zu Furtwangen gibt es die verschiedensten Zeitmesser zu bestaunen: Sonnenuhren, Sanduhren, mechanische Uhren, elektrische Uhren, Quarzuhren, Funkuhren sowie Atomuhren. Weiterhin sind Spezialitäten wie Kerzenuhren, Kuckucksuhren, Wecker und die sehr erfolgreichen Armbanduhren ausgestellt.
Höhepunkt allerdings ist die nach ihrem Erbauer benannte Hans-Lang-Uhr. Diese Uhr kann einfach alles, außer vielleicht abwaschen und `nen Knopf annähen. Sie besteht aus fünf Segmenten, ist 3 Meter breit und 1 Meter hoch, und sie zeigt unter anderem ein Tellurium, die Stellung unserer Nachbarplaneten Venus und Mars, die Ortszeit von Greenwich, die mitteleuropäische Zeit, die Wahre Ortszeit von Furtwangen, den Himmelsglobus, das Mondalter sowie den Gregorianischen und Weltkalender. Herr Lang hat für die Erstellung dieser Super-Uhr 8200 Arbeitsstunden investiert.
In dieser Zeit hätte er auch, wenn man unsere WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit, siehe auch Andrack, Manuel; Du musst wandern; 2005) von 4 km/h zugrunde legt, die Strecke Flensburg - Wien mehr als fünfmal hin- und zurück durchschreiten können. Bei unserer Wanderjahresgeschwindigkeit von 6000 km wären das über 5 Jahre.
Anscheinend muss man ganz schön schuften, um einen ordentlichen Platz im Deutschen Uhrenmuseum zu ergattern. Herr Lang jedenfalls hat sich diesen Platz redlich verdient!
nele und philipp - 7. Jul, 23:10