7) Hochgebirge
Herzlichen Glückwunsch an alle treuen Leser dieser Berichte: Dies ist der Letzte! Ihr habt es geschafft, und wir jetzt auch. Ja, wir sind nun tatsächlich in Österreichs Hauptstadt angekommen und haben im Cafe Sacher unsere wohlverdiente gleichnamige Torte verschlungen. Eben noch ein paar Statistikdaten: Wanderstrecke horizontal - 3202000 Meter; Wanderstrecke vertikal - 82862 Meter; verschlissene Paar Schuhe - 2; gegessene Tafeln Milkaschokolade - 200 (geschätzt); Wandertage - 152; Ruhetage - 8; Regentage - 15; gesehene Golfplätze - 6; Kilometer pro Wandertag - 21,7; betretene Staaten - 4; gelesene Bücher - 16,5; Nervenzusammenbrüche - nicht gezählt...
Mehr Statistik fällt mir momentan nicht ein.
Jetzt aber noch ein großes dickes Dankeschön für Eure ganzen Mails und Gästebucheinträge. Sie haben uns moralisch über so manchen Berg geholfen!
Wir sitzen jetzt im Nachtzug gen Heimat, sind totmüde und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen!
Wie heißt das doch so schön am Niederrhein: Bis die Tage. Man sieht sich.
nele und philipp - 25. Sep, 20:09
Es ist Herbst, und nach einem Sommer, in dem permanent der 70er-Jahre-Hit von Rudi Carrell namens "Wann wirds mal wieder richtig Sommer" im Radio auf und ab gespielt wurde, sorgte der heutige Tag eindeutig für eine Linderung der gestressten Meteorologenseele. Die Sonne ballerte ihre Strahlen auf Niederösterreich, und die Cabrios wurden wieder ausgemottet. Auch das Wandervolk war frohen Mutes, als es sich langsam aber stetig in Richtung Wien vorarbeitete. Immerhin hat man es nun bis nach Sittendorf geschafft, und für Morgen ist zumindest das Erreichen der äußeren Wiener Stadtgrenze fest eingeplant.
Da sind wir ehrlich und aufrichtig froh, daß Wien nicht in Texas liegt, und daß der europäische Herbst keine Rita kennt.
nele und philipp - 25. Sep, 20:08
150 Tage ohne Hirsch - für einen Jäger eine verdammt lange Zeit! Vor allem, wenn man in diesen 150 Tagen ca. 1000 Stunden in Wäldern verbracht hat, in denen Hirsche durchaus vorkommen können.
Und auch heute haben wir wieder keinen Hirsch gesehen. Leider. Aber immerhin haben wir Hirsche gehört. Hier in Österreich ist nämlich in den letzten Tagen die Hirschbrunft ausgebrochen, und nun schreien und röhren die Könige der Wälder zuweilen auch am hellichten Tag.
Sie wollen wohl sagen: "He schaut her, seit 150 Tagen führen wir euch an der Nase herum, und nun lachen wir euch auch noch aus"...
Irgendwie scheinen die Hirsche diesmal wirklich den längeren Atem zu haben. Wobei ich sagen muß: Das Abendessen soeben hat wirklich köstlich geschmeckt; die reinste Gaumenfreude. Übrigens: es gab Hirschrückensteaks...
nele und philipp - 25. Sep, 20:06
Das geht mir alles ein bißchen zu fix hier: erst gestern haben wir uns von unserem letzten Zweitausender verabschieden müssen, und heute folgt dann gleich noch der letzte Tausender. Unverschämt, sowas! Immerhin haben wir für unseren ersten Tausender ehrfürchtige 70 Etappen trainiert, und der erste Zweitausender krönte unsere 91. Tagestour.
Andererseits ist es vielleicht auch ganz gut, wenn langsam aber sicher die letzten Etappen bis zur Sachertorte anbrechen, denn irgendwie hat man ja nach über 150 Tagen doch ein wenig Hunger angesammelt...
Insofern freuen wir uns, daß der Rest unseres Gesamtvorhabens eher Mittelgebirgscharakter hat. Und mit etwas Glück und Orientierunggeschick könnten wir "schon" am Sonntag in Wien sein.
Wenn das mal gut geht...
nele und philipp - 22. Sep, 09:06
Ach herrje, wie die Zeit doch verfliegt. Im einen Moment hängt man noch in Flensburg rum und erwartet in weiter Ferne die ersten Mittelgebirgshügel, und ehe man sichs versieht ist man 3000 km gelaufen und hat schon den letzten Tourzweitausender abgehakt.
Der aber hatte es so richtig in sich! Wir gingen morgens um 9 im Weichtal, welches auf 563m liegt los: sanfter Regen und leichte Brise. Als wir 5 Stunden später dann auf dem Gipfel des 2075m hohen Klosterwappens standen, waren wir umgeben von dichtem Nebel, Eisregen mit Graupelzusätzen, stürmischem Wind und 2 Grad unter Null kalter Luft. Glücklicherweise wartete nur 10 Minuten entfernt die Fischerschutzhütte. Der dortige Wirt machte ein ziemlich ungläubiges Gesicht, als er die ersten beiden bekloppten Tagesgäste begrüssen konnte. Dennoch erhielten wir heiße Suppen zum wohlverdienten Aufwärmen. Und wenn man dann still und leise die wohlschmeckende Speise in sich hineinschlürft und seinen Gedanken nachhängt, kommt man ganz schnell zu dem Schluß, daß das besondere dieses Gipfels nicht die Kletterei oder die Aussicht oder die Höhe ist, sondern das Wetter und die Belohnungssuppe.
nele und philipp - 22. Sep, 09:05
Da rennt man seit zwei Monaten durch die Alpen, über die ausgefallensten und seltsamsten Berge, und dennoch schaffen es die Teams der jeweiligen Alpenvereinssektionen, insgesamt mit lediglich 5 Leitern zur Sicherung von schwierigen Kletterpassagen auszukommen. Bis dann der heutige Tag in Form des Wachthüttelkamms aufzog. Auf diesem Steig hat man bald nicht mehr das Gefühl, in der natürlichen Bergwelt zu lustwandeln. Eher fühlt man sich verloren im Auslieferungslager der Leiterfirma Hailo (die mit dem roten Punkt). Insgesamt hatten wir das Vergnügen, mindestens 20 Leitern, manche davon bis zu 25 Meter lang, hinabzusteigen. Da hängt man in der Wand und hofft angesichts des vielen Metalls, daß nicht gerade jetzt irgendwo auf dem Berg der Blitz einschlägt...
Nun denn, den Erbauern dieses modernen Kunstgebildes können wir versichern, daß sie alles, aber auch wirklich alles getan haben, um die Sicherheit auf dem Weg zu gewährleisten. Allerdings sollte man dann in Innenstädten auch dazu übergehen, die Zebrastreifen abzuschaffen und stattdessen Fußgängerüberführungen zu konstruieren. Sicher ist sicher!
nele und philipp - 22. Sep, 09:03
Der Wetterbericht hatte nicht zuviel versprochen: als wir heute Morgen wach wurden, lagen draußen 10 cm Schnee und es wehte ein in Böen sehr starker Wind. Und natürlich Nebel, der eine Sicht von ungefähr 20 Metern ermöglichte.
Da der Hüttenwirt keine Bedenken hatte, uns dennoch weiterwandern zu lassen, taten wir genau selbiges.
Der Wind pfiff uns ins Gesicht, und was der vielzitierte "Windchill" ist, konnten wir nun am eigenen Leib erfahren. Zum Glück wartete nach einer Stunde eine Almhütte auf uns. Wir also rein und erstmal mit Tee aufgewärmt.
Die Sennerin war gerade dabei, Butter und Käse herzustellen. Und Nele war sofort Feuer und Flamme, ließ sich alles erklären und durfte auch die verschiedenen Käsesorten probieren. Die waren so lecker, daß wir uns gleich einiges davon einpacken ließen.
Und nun kann Nele nicht nur Brot backen, sondern auch für Brotaufstrich und Käsebelag sorgen.
Die perfekte Hausfrau eben...
nele und philipp - 20. Sep, 16:27
Die ganze Nacht schüttete es aus Kübeln, doch wenn man im trockenen warmen Bettchen liegt, lässt sich das ganz gut aushalten. Als am Morgen der Regen jedoch anhielt und den kompletten Tag durchhielt, war das alles nicht mehr so prickelnd. Dazu kam eine Wettervorhersage, welche ein Sinken der Schneefallgrenze auf 1400 Meter prognostizierte - na denn Prost Mahlzeit.
Dennoch stiefelten wir um 10 Uhr los, und erreichten nach 4 Stunden stetigen Anstiegs bei Dauerregen und Dauernebel eine bewirtschaftete Almhütte.
Nix wie rein, war die Devise!
Nach wenigen Minuten waren unsere Knochen von der wohligen Hüttenwärme aufgetaut, und ruckzuck gings uns wieder gut. Und als der Hüttenwirt uns mitteilte, daß unsere Zielhütte nur noch eine viertel Stunde entfernt sei, waren wir richtig glücklich.
Dort trudelten wir gegen 15.30 Uhr ein, und konnten noch die letzten Takte eines klassischen Bergkammerkonzertes miterleben. Als dieses beendet war und sämtliche Zuhörer per Bus ins Tal gefahren waren, stellten wir fest, daß wir die einzigen Bekloppten waren, die heute "freiwillig" die Schneealpenhütte erwandert hatten.
Kein Wunder, bei dem Sauwetter! Aber eine Alpenhütte für sich alleine zu haben, ist ein nicht zu verachtender Luxus, vor allem wenn die Hüttenwirtin nett ist und einem große Portionen Kaiserschmarrn auftischt, auch wenn der gar nicht auf der Karte steht. Hmmm, war das lecker!
nele und philipp - 20. Sep, 16:26
Heute sind wir vom Graf-Meran-Haus nach Neuberg an der Mürz gelatscht, und ohne daß wir es so richtig mitbekommen haben, war die 3000-km-Marke abgehakt. Nun ist es anscheinend wirklich nicht mehr allzu weit nach Wien, "nur" noch ca. 200 km.
Insofern sind wir bester Hoffnung, unser angestrebtes Ziel auch tatsächlich zu erreichen. Naja, schaun mer mal!
Zurück zur heutigen Etappe, die wirklich sensationell schön war. Das Wetter paßte, die Temperaturen ermöglichten ein Bräunen der Unterarme, und auf der kompletten Strecke war kein Mensch unterwegs. Wir konnten einige Gemsen beobachten, und überall am Wegesrand warteten Blaubeeren, Himbeeren und sogar Brombeeren auf uns. Irgendwie erinnerte das alles sehr ans Schlaraffenland.
Für Morgen ist leider der große Wetterumschwung angekündigt. Aber was soll`s, dann ziehen wir eben die Pudelmützen an.
Ach ja, jetzt hätte ich fast die sagenhaften Enzianfelder vergessen, die wir heute gesehen haben. Alles blau bis lila, und mitten in vollster Blütenpracht!
Da werden sich die Schnapsschwarzbrenner auf eine reichhaltige Ernte freuen können...
nele und philipp - 20. Sep, 16:25
Wer erinnert sich nicht mit Grausen an den weltberühmten Hitchcock-Klassiker "Die Vögel"? Überall schwarze gemeine aggressive Vögel. Zumeist beruhigt man sich, wenn es allzu schlimm wird, mit den Worten: Das gibts doch nur im Film.
Stimmt aber nicht. "Die Vögel" kann man live erleben, und zwar in Seewiesen! Wir gingen komplett gesättigt von unserem Gourmetmahl nach Hause, als plötzlich eine Krähe von hinten kommend versuchte, auf meinem Kopf zu landen. Die Krallen streiften meine täglich grauer werdende Haarpracht, packten die Kopfhaut zum Glück nicht, und schon flog die Krähe weiter. Allerdings nur zur Dachrinne, um dort ihren nächsten Angriff zu planen. Diesmal sahen wir sie eher, d.h. im Anflug, und konnten sie mit wildem Armgefuchtel zum Abdrehen überreden. Sie startete noch zwei weitere Versuche, und dann wurden wir endlich in Ruhe gelassen.
Es gibt also nicht nur Killereichhörnchen, sondern auch Söldnerkrähen. Horror!
nele und philipp - 20. Sep, 16:24